Restaurant Moritz Hohenems © Angela Lamprecht / Vorarlberg Tourismus

Wie Vorarlberger Touristik:innen ihre Branche evolutionieren

Wettbewerbsfähig durch Haltung

Unter dem Titel Gastgeben auf Vorarlberger Art (GVA) ist in den vergangenen Jahren ein Netzwerk entstanden, ein Zusammenschluss von Gastgeber:innen, Landwirt:innen, Hoteliers, Wirtsleuten und Touristiker:innen, die alle dieselbe Frage beschäftigt: Wie wollen wir in Zukunft leben, arbeiten und Gäste empfangen? 

Posthotel Taube Schruns © Fabienne Rohner / Vorarlberg Tourismus

Wer heute über Wettbewerbsfähigkeit im Tourismus spricht, landet schnell bei Bettenzahlen, Investitionsvolumen oder der nächsten technischen Innovation. Wir sehen über Gästebefragungen, dass die Qualität unserer Infrastrukturen und Freizeitleistungen als vielfältig und qualitativ hochwertig wahrgenommen werden. Es ist klar, dass Tourismus eine gute Infrastruktur braucht. Sie ist Grundlage für einen ansprechenden Tourismus.

Vorarlberg tut zusätzlich noch etwas anderes. Dort setzt man auf eine Ressource, die in keiner Buchhaltung aufscheint und doch ökonomisch höchst wirksam ist: Haltung. Unter dem Titel Gastgeben auf Vorarlberger Art (GVA) ist in den vergangenen Jahren ein Netzwerk entstanden, das weniger auf Standards vertraut als auf das, was entsteht, wenn Menschen authentisch miteinander arbeiten, voneinander lernen und ihre Betriebe nicht als Marktobjekte, sondern als kulturelle Orte begreifen.

GVA ist kein klassisches Tourismusprogramm. Es ist eine Bewegung – ein Zusammenschluss von Gastgeber:innen, Landwirt:innen, Hoteliers, Wirtsleuten und Touristiker:innen, die alle dieselbe Frage beschäftigt: Wie wollen wir in Zukunft leben, arbeiten und Gäste empfangen? Die Antwort ist vielschichtiger, als man vermuten könnte. Und sie reicht weit über den Tourismus hinaus.

Authentizität als Wirtschaftsfaktor

„Die Stube ist unser zentraler Ort der Begegnung“, sagt Evi Haller vom Tempel 74 im Bregenzerwald. Kein Satz über Zimmerkategorien, keine Kennzahl. Sondern ein Hinweis darauf, wie sich im Tourismus ein Paradigmenwechsel vollzieht: Nicht die Fassade entscheidet, sondern die Atmosphäre. Nicht die Inszenierung, sondern die Echtheit.

Wolf Lotter nennt das „Energien, die wir selbst erzeugen“. In seinem Buch Echt sein erklärt er, dass wirtschaftliche Erneuerung neben der Effizienzsteigerung vor allem durch Haltung entsteht – aus Menschen, die wissen, warum sie tun, was sie tun. Genau dort setzt GVA an. Gastgeber:innen erzählen von dem, was sie antreibt: Sinn, Freude, Verantwortung. Etwa Karl und Agathe Lingenhel, die ihren Demeterhof im Bregenzerwald nicht als Produktionsstätte verstehen, sondern als lebendiges System: „Wir Menschen können nie gesünder sein als die Pflanzen und Tiere, von denen wir leben.“ Das ist nicht romantisch, sondern radikal realistisch – eine Form von ökonomischer Klarheit, die Ressourcen, Kreisläufe und Menschen zusammendenkt.

In einer Branche, die oft um Aufmerksamkeit konkurriert, ist diese Art des Denkens fast subversiv. Und zugleich hochattraktiv.

Biohof Lingenhel © Angela Lamprecht / Vorarlberg Tourismus
Biohotel Walserstuba Riezlern © Angela Lamprecht / Vorarlberg Tourismus

Das GVA-Netzwerk funktioniert nicht über Schulungen oder Anweisungen, sondern über Besuche: GVA zu Gast.

Lernen durch Begegnung statt durch Broschüren

Das GVA-Netzwerk funktioniert nicht über Schulungen oder Anweisungen, sondern über Besuche: GVA zu Gast. Gastgeber:innen öffnen ihre Türen, zeigen ihre Werkstätten, Küchen, Stuben, Höfe. Nicht perfekt präsentiert, sondern so, wie es ist. Die Teilnehmenden lernen nicht „Best Practices“ im klassischen Sinne, sondern Haltungen: Wie man Entscheidungen trifft. Wie man Räume gestaltet, damit Menschen sich wohlfühlen. Wie man Mitarbeitende führt. Wie man mit Natur, Tieren, Materialien umgeht.

Ein Biohotel im Kleinwalsertal erzählt, warum „Es geht ums Glück“ nicht Marketing, sondern Geschäftsgrundlage ist. Ein Wirtshaus in Schruns zeigt, wie ein offenes Haus 365 Tage im Jahr zum Treffpunkt für Einheimische und Gäste wird. Ein Landwirtschaftsbetrieb erklärt, wie Kreislaufwirtschaft ökonomisch tragfähig wird. Das alles ist weniger Belehrung als Resonanz – ein zentrales Motiv in Lotters Denken und im gesamten Netzwerk.

Wer teilnimmt, hört nicht nur zu. Man spürt etwas. Man erlebt, wie vielfältig „Gastgeben“ sein kann, wenn es vom eigenen Inneren her gestaltet wird und nicht von Marktlogiken diktiert ist.

Kooperation statt Konkurrenz – ein Kulturwandel

Tourismus gilt oft als kompetitiv: Preise, Ratings, Bewertungen. Vorarlberg versucht es anders. Hier lernen selbst Mitbewerber:innen voneinander. Nicht nur, weil es altruistisch wäre, sondern weil es ökonomisch sinnvoll ist. Qualität entsteht dort, wo ein ganzer Lebensraum gut funktioniert – nicht, wenn sich wenige Leuchttürme gegenseitig ausstechen.

Im Netzwerk entstehen Freundschaften, neue Lieferketten, gemeinsame Projekte. Ein Wirtshaus bezieht seine Fische als ganze Fänge, weil die Fischersleute so wirtschaftlich planen können. Ein Hotel verarbeitet Tiere nose-to-tail, weil Wertschätzung nicht bei der Zubereitung endet. Das alles sind Entscheidungen, die auf Werteorientierung beruhen – und gleichzeitig auf bewusstem unternehmerischem Denken.

Vorarlbergs Tourismusstrategie spricht vom „Lebensraumansatz“. In der Sprache der Ökonomie bedeutet das: Die Wertschöpfungskette beginnt nicht beim Gast, sondern bei der Haltung der Menschen, die diesen Ort möglich machen.

GVA zu Gast Berghof Ems_12 © Angela Lamprecht / Vorarlberg Tourismus
Biohof Lingenhel © Angela Lamprecht / Vorarlberg Tourismus

Vorarlbergs Touristiker:innen revolutionieren ihre Branche neben Innovationsprojekten auch mit etwas Seltenerem: Sie entwickeln Bewusstsein. Sie leben Authentizität. Sie kooperieren. Sie schaffen Kultur.

Bewusstseinsentwicklung als Organisationsprinzip

Wer die Gespräche in GVA-Runden verfolgt, merkt schnell: Hier geht es nicht nur um Tourismus, sondern um Bewusstsein. Das Netzwerk operiert – ohne es explizit so zu benennen – auf einer Entwicklungslogik, wie sie in Modellen wie „Spiral Dynamics“ oder „Spiritual Dynamics“ beschrieben wird: Vom Ego zur Einheit. Vom Einzelvorteil zur Kooperation. Von der Ressource zum Kreislauf. Vom Job zum Sinn.

Die Gastgeber:innen sprechen über Glück, Verantwortung, Zeitqualität, Verbundenheit – Begriffe, die man in klassischen Tourismusstrategien selten hört, die aber in einer Welt aus Fachkräftemangel, Klimakrise und gesellschaftlichem Wandel zunehmend zu entscheidenden Erfolgsfaktoren werden.

Denn nichts ist so konkurrenzfähig wie ein System, das weniger Energie mit Selbstverteidigung verbringt und mehr Energie in Entwicklung investiert. Genau das tut dieses Netzwerk.

Warum das ökonomisch funktioniert

Der vielleicht spannendste Aspekt an GVA ist: Diese Haltung ist kein Gegensatz zur Wettbewerbsfähigkeit – sie ist ihre neue Grundlage.

  • Gäste kommen wegen Atmosphäre, Begegnung, Sinn – nicht wegen Preislisten.
  • Mitarbeitende bleiben, weil der Arbeitsplatz ein Ort des Gesehenwerdens ist.
  • Wirtschaftlichkeit entsteht, weil Ressourcen wertschätzend behandelt werden.
  • Innovation entsteht aus eigenem Antrieb, nicht aus Druck.
    Kooperation wirkt stabilisierend – gerade in Krisenzeiten.

In einer Welt, die immer komplexer wird, ist Haltung kein „Soft Factor“, sondern eine hard currency, wie Lotter es nennen würde.

Fazit: Eine stille, aber wirksame Evolution

GVA hat keine große Bühne. Keine Botschaft, die von Plakatwänden schreit. Keine Kampagne, die Aufmerksamkeit einkauft. Das Netzwerk wirkt anders – leise, aber tief. In Begegnungen. In Beziehungen. In Entscheidungen, die aus innerer Überzeugung getroffen werden und dadurch besonders robust sind.

Vorarlbergs Touristiker:innen revolutionieren ihre Branche neben Innovationsprojekten auch mit etwas Seltenerem: Sie entwickeln Bewusstsein. Sie leben Authentizität. Sie kooperieren. Sie schaffen Kultur.

Und damit zeigen sie, was Wettbewerbsfähigkeit in Zukunft bedeuten wird:

  • Nicht schneller, billiger, lauter – sondern echter.
  • Nicht mehr, sondern stimmiger.
  • Nicht Ego, sondern Einheit.

Vielleicht ist das die eigentliche Innovation:
Dass man Wirtschaft vom Menschen her denkt – und nicht umgekehrt.