GVA Diskurs 2020 © Udo Mittelberger / Vorarlberg Tourismus
Gastgeben in Zeiten von Corna

„Gastgeben auf Vorarlberger Art“-Diskurs

„Gastgeben in Zeiten von Corona“ - der Blick über den Tellerrand mit Roland Scherer, Augustin Jagg, Rafaela Berger und Moritz Kempf

Kreativität, Potenzial und Kommunikation: Das ist Gastgeben auf Vorarlberger Art in Zeiten von Corona

Das Symposion ist der jährliche Höhepunkt der „Gastgeben auf Vorarlberger Art“ Community. 2020 gab es statt dem traditionellen Symposium einen „Gastgeben auf Vorarlberger Art – Diskurs“ im digitalen Format. Die anschließende Preisverleihung der „Vorarlberger Tourismus-Innovationen“ fand im kleinen Rahmen statt.

Gastronomie und Tourismus sind von der aktuellen Situation besonders betroffen und geforderter denn je. Wiederkehrende Lockdowns, Reisebeschränkungen, Registrierungspflichten und die sich ständig ändernden Rahmenbedingungen machten den Betrieben im vergangenen Jahr mächtig zu schaffen. Gerade deswegen war es wichtig, das Symposium – wenn auch in abgeänderter Form – stattfinden zu lassen. Ein besonderer Programmpunkt des Symposiums bildet der sogenannte „Blick über den Tellerrand“, bei dem verschiedene Außenperspektiven eingeholt werden, um Wechselwirkungen und größere Zusammenhänge zu verstehen und diese in Folge im eigenen Bereich anzuwenden. Dieser Teil des Symposiums fand im letzten Jahr in Form einer Podiumsdiskussion am 13. Oktober 2020 im Seefoyer des Festspiel- und Kongresshauses in Bregenz statt.

Zu Gast bei der Podiumsdiskussion zum Thema „Gastgeben in Zeiten von Corona“ waren Rafaela Berger, Moritz Kempf, Augustin Jagg und Roland Scherer. Moderiert wurde das Gespräch von Annemarie Felder, Koordinatorin des Entwicklungsprogramms „Gastgeben auf Vorarlberger Art“. Die vier Teilnehmer:innen haben jeweils unterschiedliche Zugänge zum Tourismus und besonders zur aktuellen Situation.

Rafaela Berger ist Gastgeberin im Hotel Gasthaus Johann in Lauterach und außerdem zuständig für die Kulturarbeit in der Gemeinde Lauterach.

Moritz Kempf ist im Bereich Unternehmenskommunikation und Organisationsentwicklung tätig und initiierte die Webseite „unplanned“, auf der von kreativen und innovativen Ideen erzählt wird, die während der Krise entstanden.

Eine Perspektive aus dem Kulturbereich brachte Augustin Jagg. Er ist Gründer und künstlerischer Leiter des Theater KOSMOS in Bregenz und hat zahlreiche Musiktheaterproduktionen durchgeführt.

Zu guter Letzt ergänzte Roland Scherer, Direktor der Universität St. Gallen, die Runde. Er befasst sich mit grenzüberschreitenden Kooperationen und war treibende Kraft bei der Durchführung von Bürgerdialogen im Bodenseeraum.

Als Kulturschaffender bemängelt Augustin Jagg die sterile Atmosphäre in Zeiten einer Pandemie. „Das Theater lebt von direkter Konfrontation zwischen Schauspieler und Publikum.“ Das KOSMOS Theater kann aktuell nur zur Hälfte und im Schachbrett-Muster besetzt werden. Jagg ist zwar froh, dass das Theater überhaupt spielen kann, „aber es ist einfach nicht dasselbe.“ Rafaela Berger beklagt hingegen die fehlende Planungssicherheit. „Der Sommer war gut, man hat Hoffnung geschöpft und jetzt beginnt wieder die Zeit, wo man sagt: Was kommt als nächstes?“ Bei jeder Pressekonferenz rechnet die Gastronomin mit neuen Einschränkungen. „Bei den Zahlen ist es nichts, das man nicht versteht. Aber die Unsicherheit ist belastend.“ Moritz Kempf sieht in dieser Unsicherheit eine Chance. Er ist davon überzeugt, dass das Gehirn nur zwei Zustände kennt: Angst oder Kreativität. Sein Projekt „Unplanned“ unterstützt Menschen darin, den Fokus auf ihr Potenzial zu lenken. „Geschichten und Gefühle hör- und sichtbar zu machen, das gibt den Menschen Hoffnung und zeigt, dass es nicht so bleibt.“ Als Regionalökonom beobachtet Roland Scherer, dass die Menschen Grenzen immer weniger wahrnehmen. „Sie gehen dorthin, wo sie sich willkommen fühlen.“ Seit der Pandemie sind die Grenzen plötzlich wieder spürbar. Trotzdem seien die Grenzschließungen laut der Bevölkerung sinnvoll. „Sie wünschen sich aber mehr Ausnahmen.“

Warten oder Wandel?

Die Tourismusbranche ist gefordert, durchzuhalten, bis sich die Situation beruhigt und gleichzeitig, sich darauf einzustellen und zu lernen, mit den Einschränkungen umzugehen. Hier sind sich die Diskussionsteilnehmer:innen einig: Es ist Zeit zum Umdenken. „Wir müssen lernen, damit umzugehen. Statt einem Handschlag schenke ich den Gästen ein Lächeln und hoffe, dass es trotz der Maske ankommt.“, meint Rafaela Berger. Sie ist überzeugt, dass die Pandemie der Gastfreundschaft nicht schadet, man wäre sogar noch dankbarer, wenn Gäste sich für den eigenen Betrieb entscheiden und möchte in Folge einen besonders guten Service bieten. Augustin Jagg stimmt ihr zu: „Klar müssen die Leute selbst achtsam sein. Aber wir müssen auch das Gefühl geben, dass wir alles dafür tun, dass sie in einer sicheren Umgebung sind.“ Ihm geht es vor allem um Kommunikation. Diese muss positiver, aber nicht fahrlässig sein. Er ist überzeugt, dass Angstmacherei zu nichts führt. Augustin Jagg wünscht sich eine europäische Lösung. Er ist enttäuscht, dass es keine Idee und wenig Dialog gibt. „Es braucht Solidarität und einen gemeinsamen Blick nach vorne.“ Roland Scherer glaubt, dass Werte wie Klimaschutz, Nachhaltigkeit und Regionalität durch die Krise eine neue Bedeutung bekommen. „Man macht Ferien eher in der Nähe. Die Krise gibt dem Tourismus und den Gastgebern neue Chancen.“ Moritz Kempf ist derselben Meinung und vertärkt, dass es im Kulturbereich einen Rückzug auf das Wesentliche geben wird. Sicherheit sei ein spannendes Thema mit vielfältigen Aspekten. „Nur wenn man sich selbst gut und sicher fühlt, kann man eine gute Stimmung vermitteln.“ Er hofft auf ein ganzheitlicheres und konkurrenzbefreites Denken nach der Pandemie. „In unserer Gesellschaft ist jeder sehr stark mit sich selbst beschäftigt. Corona ist ein vielseitiger Spiegel, den wir vorgehalten bekommen – wir müssen nur noch Mut finden.“ Als Beispiel nennt er eine Idee aus dem Bregenzerwald: Hier wird eine regionale Versorgerkette angedacht.

Und was wünschen sich die Tourismus-Schaffenden für die Zukunft? „Mehr Planungssicherheit. Das wäre gut.“, sagt Hotelierin Rafaela Berger. Augustin Jagg hofft, dass die Branche nicht noch mehr eingeschränkt wird. „Mittelfristig hoffe ich, dass die Festspiele und Konzerte im kommenden Jahr stattfinden können.“ Langfristig hoffe er auf eine medizinische Lösung. „Die grenzüberschreitende Zusammenarbeit sollte besser ausgebaut werden.“, sagt Roland Scherer. Laut ihm sollte besser auf die Eigenheiten der Grenzregion geachtet werden, damit dessen Bewohner:innen diese auch leben können. Moritz Kempf wünscht sich, dass sich die Menschen gesellschaftlich aufeinander zu bewegen und nicht voneinander weg. „Vor allem hoffe ich, dass wir aus der Pandemie lernen und das Gelernte dann auch anwenden.“

Die Podiumsdiskussion steht unter gva.vorarlberg.travel zur Verfügung und kann bei Interesse jederzeit nachgeschaut bzw. nachgehört werden. Live dabei waren im Oktober die Preisträger:innen der „Vorarlberger Tourismus-Innovationen“, dessen Preisverleihung im Anschluss bereits zum 25. Mal stattfand. Ausgezeichnet wurden innovative Projekte im Tourismusbereich. Die Hauptpreise gingen unter anderem an das Hotel Gams Bezau und dessen Projekt „Gams 1648“, bei dem mit einem Umbau aus dem historischen Hauptgebäude ein begegnungsoffener Raum mit einem innovativen Bedienungskonzept geschaffen wurde, das auf Vertrauen basiert. Ein weiterer Hauptpreis erhielt das Camping Nenzing für dessen glamouröses Alpencamping und die neuen Himmelchalets aus regionalem Holzleichtbau. Zu guter Letzt wurde das Vorarlberger Kulturpicknick für Lesungen, Konzerte und anderen Outdoor-Kulturveranstaltungen an verschiedenen Standorten ausgezeichnet. Die vier Anerkennungspreise gingen an das Hotel Hirschen für dessen Kulinarik-Treffpunkt, das vom Biohotel Schwanen entwickelte Serviceboard „Alma“, die Flaniermeile Bezau von Witus und Tourismus Bezau sowie das Hotel Post Bezau für dessen nachhaltiges Konzept.

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Die Podiumsdiskussion beim GVA-Diskurs "Gastgeben in Zeiten von Corona"